Lebensgeschichten

Moritz/Moshe Fried

Moshe Fried, geboren 1913, absolvierte eine Modeschule in Wien und übernahm nach dem Tode seines Vaters als Meister die Schneiderei und das Textilgeschäft in Frauenkirchen. Er empfand die Zeit vor 1938 als sehr angenehm. Herr Fried spielte mit den christlichen Jugendlichen Fußball und war Mitglied der Feuerwehr Frauenkirchen.
Der Anschluss an das Deutsche Reich, die Ereignisse und Demütigungen in Frauenkirchen veränderten sein Leben radikal und prägten es nachhaltig. Ängstlich erlebte er mit, wie die NS-Anhänger im März 1938 abendlich durch die Straßen zogen, Drohungen schrien und Fensterscheiben der jüdischen Häuser und Geschäfte einschlugen. Sein Geschäft musste er kurze Zeit später schließen und zusehen wie örtliche SA-Mitglieder Waren stahlen. Nachdem er einige Wochen im Anhaltelager interniert war, floh er mit seiner Mutter und Geschwistern zu Verwandten nach Wien. Er fand eine Möglichkeit, mit einem Donauschiff das Land zu verlassen. Durch das Schwarze Meer gelangten sie nach Palästina, wo ihnen nach wochenlangen Verhandlungen die Einreise gelang.
Der Neuanfang gestaltete sich für Moshe Fried sehr schwierig. Neben den neuen sozialen und kulturellen Verhältnissen fielen ihm auch der wirtschaftliche Neuanfang in Israel sehr schwer. Schlussendlich konnte er sich wieder eine Nähmaschine kaufen und sich als Schneidermeister in Rechovot selbständig machen.
Sein ehemaliges Heimatland Österreich wollte er nach 1945 nie mehr besuchen. Zu schwer belasteten ihn die Erinnerungen. Durch den Holocaust hatte er seine Mutter, seinen Bruder und viele andere Verwandte verloren. Besonders traumatisch hatte sich bei ihm eingeprägt, dass nach den Märzereignissen 1938 die jüdische Bevölkerung nicht mehr die Gehsteige in Frauenkirchen benützen durfte und er von einem jungen Mann für dieses Vergehen einen Tritt in den Rücken bekam. Bis zu seinem Lebensende 2002 dachte er an dieses Ereignis zurück.

Bela Österreicher

Béla (Bernhard) Österreicher wurde am 12. Dezember 1862 als Sohn von Karl und Charlotte Österreicher in Frauenkirchen geboren. Nach dem Besuch des katholischen Gymnasiums in Pressburg/Poszony absolvierte er das Studium der Rechtswissenschaft an der Universität in Budapest. Zunächst war er als Rechtsanwalt in Neusiedl am See tätig, ab 1900 übte er das Amt des Komitatsstaatsanwaltes im Komitat Moson aus.

Als Anhänger der zionistischen Idee und Freund von Theodor Herzl stieg er zu einer der führenden Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung in Ungarn auf. Das Hauptziel des Zionismus war die Schaffung einer Stätte für verfolgte und ein Heim suchende Juden und Jüdinnen im Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan. Diese Region war für die Zionisten das ursprüngliche Heimatland der Juden und Jüdinnen, wo als Endziel auch ein eigener Staat gegründet werden sollte. Der Zionismus kann auch als Antwort auf die Bedrohung vieler Juden und Jüdinnen in Osteuropa und auf die weltweit antisemitistischen Angriffe im 19. Jahrhundert gesehen werden. Noch im selben Jahrhundert begann die Einwanderung jüdischer Siedler und Siedlerinnen in das Gebiet. Die Bewegung stand im Gegensatz zur orthodoxen jüdischen Strömung, die der Ansicht war, dass die Erlösung ausschließlich Gott vorbehalten sei und kein Mensch sie initiieren könne.

Béla Österreicher war Mitbegründer der ungarischen Zionistenbewegung und nahm an der Seite von Theodor Herzl als ungarischer Vertreter sowohl am dritten Zionistenkongress 1899 als auch 1903 in Basel teil. 1902 wurde er in Pressburg als Vorsitzender in das provisorische Nationalkomitee der zionistischen Bewegung Ungarns gewählt und beim ersten Zionistenkongress Ungarns 1903 als Präsident bestätigt. Dieses Amt übte er zehn Jahre lang aus und vertrat den ungarischen Zionistenbund weltweit bei zahlreichen zionistischen Kongressen.

Béla Österreicher, der ab 1894 mit Bertha, Tochter des Frauenkirchner Sparkassendirektors Maier Deutsch, verheiratet war, starb am 26. August 1938 in Budapest und wurde auf dem Friedhof Farkasrét beerdigt.

Dr. Johann György

Johann wurde als Sohn des Arztes Dr. Eduard Goldstein 1882 in Frauenkirchen geboren. Dr. Eduard Goldstein ordinierte seit 1877 als erster akademischer Arzt im Ort.
Seine Familie zählte zu den sogenannten assimilierten Juden in Frauenkirchen, die zwar am religiösen Leben im Ort teilnahmen, jedoch sich kulturell an der nicht-jüdischen Mehrheitsbevölkerung orientierten. Die Assimilierungstendenz steigerte sich nach seinem Medizinstudium, indem er seinem Namen auf György magyarisieren ließ und zum katholischen Glauben übertrat.
Wie zuvor sein Vater errichtete er eine Praxis in Frauenkirchen und wurde Amts-, Kreis- und Kassenarzt und zudem Bahnarzt bzw. Vertrauensarzt der Gutspachtung. Seinen guten ärztlichen Ruf erwarb sich Dr. Johann György während seiner Tätigkeit im Kriegsgefangenenlager Frauenkirchen im Ersten Weltkrieg, er widmete sich der Bekämpfung einer Typhusepidemie. Nach der Überwindung der Katastrophe wurde Dr. Johann György, der selbst auch kurzfristig an Typhus erkrankt war, zum Lagerchefarzt ernannt und mehrmals ausgezeichnet. Dr. György genoss in der Bevölkerung und bei den Gemeindeverantwortlichen sehr hohes Ansehen, da er die ärmere Bevölkerung auch vielfach kostenlos behandelte.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich die Einstellung der Bevölkerung zu ihrem Arzt. Wie alle anderen männlichen jüdischen Bewohner wurde Dr. Johann György in einen ehemaligen Stall gepfercht, verschmäht, gedemütigt und unter menschenunwürdigen Umständen tagelang festgehalten. Unterdessen machte sich ein SS-Mann im Haus von Dr. György über Geld und Wertsachen her. Da die Bevölkerung Frauenkirchens wegen der Verhaftungen der jüdischen Ärzte ohne medizinische Versorgung war, wurde Dr. György zunächst von einem Lageraufseher zu Krankenbesuchen eskortiert und schließlich, weil er als Gemeindearzt unentbehrlich war, wieder entlassen. Am 26. März 1938 wurde der Kreis- und Gemeindearzt Dr. Johann György offiziell von seinem Dienst enthoben und nach Wien vertrieben. Von dort floh er mit seiner Gattin und Tochter Alice weiter nach Ungarn. Als in Ungarn 1944 ebenso die Deportationen in die Konzentrationslager begannen, begingen am 24. Juni 1944 Dr. Johann György, seine Frau Aurelia und deren Tochter Alice, Studentin der Medizin, verzweifelt und aus Angst vor der Deportation im Budapester Ghetto mit Schlafmitteln Selbstmord.

Familie Kastner

1926 zog der Bäcker Jakob Kastner mit seiner Gattin Helene und ihren sechs Kindern von Györ nach Frauenkirchen, um die örtliche Bäckerei zu pachten. Die koschere Bäckerei der Kultusgemeinde befand sich im Tempelviertel, unmittelbar daneben war das Wohnhaus der Bäckerfamilie. Bedingung war der „jüdische Glaube“ des Bäckers, die Verpflichtung, von Purim bis Pessach die Bäckerei für das Mazzesbacken (Mazzes/Mazzot- ungesäuertes Osterbrot) zur Verfügung zu stellen und zudem vor dem Pessachfest 50 Kilo Mazzes in Reserve zu halten.
Jakob Kastner konnte sich als Bäcker in Frauenkirchen eine angesehene Stellung aufbauen, sodass der Vertrag mehrmals um jeweils fünf Jahre verlängert wurde. Jakobs drei Söhne erlernten ebenso das Bäckerhandwerk. Während Dezsö und Ernö im väterlichen Betrieb mitarbeiteten, gründete Lajos mit seiner Gattin eine Bäckerei in Györ, der Heimatstadt der Eltern.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste Jakob Kastner vorübergehend die Bäckerei schließen. Nach Inhaftierung im örtlichen Anhaltelager und massiven Drohungen floh die Familie Kastner im Frühsommer nach Ungarn. In der Bäckerei seines Sohnes in Györ konnten sie eine neue Bleibe finden. Die Hoffnung auf Sicherheit erfüllte sich nicht. 1944 wurde die Familie verhaftet. Im selben Jahr verhungerte Jakob Kastner im Budapester Getto. Seine Tochter Rosa, im neunten Monat schwanger, sein Sohn Lajos und dessen Gattin Josefine wurden nach Auschwitz deportiert, wo sie den Tod fanden.
Die anderen Familienmitglieder konnten in Verstecken den Holocaust überleben. Sie landeten nach Kriegsende als „Displaced Persons (DP)“ in einem Lager bei Ulm in Süddeutschland. Die angestrebte Emigration in die USA verzögerte sich immer wieder, weil die nötigen Papiere fehlten. Für Helene Kastner erfüllte sich der Wunsch nach einer neuen Heimat nicht, da sie im Mai 1948 im DP-Lager verstarb. Dezsö Kastner fand in New York seine neue Heimat, wo er bis ins hohe Alter seinen erlernten Beruf als Bäcker ausübte. Auch seine beiden Schwestern, Theresia und Neomy, wanderten in die USA aus. Ernö Kastner wählte Israel als seine neue Bleibe, wo er zunächst in einer Bäckerei tätig war und sich später selbstständig machte. Bis zu seinem Tod stellte er unter anderen Mazzesbrot für das Pessachfest her.


Ernst Krausz

Ernst Krausz wurde 1921 als jüngster Sohn des Lehrers Moses Krausz in Frauenkirchen geboren. Nach der Absolvierung der örtlichen Volksschule, in der er von seinem Vater selbst unterrichtet wurde, kam er in die Hauptschule nach Neusiedl am See und wurde später in ein Gymnasium nach Wien geschickt. Einerseits wurde er in Wien immer wieder mit dem Antisemitismus konfrontiert, doch andererseits lernte er in Wien eine aufgeschlossene, fortschrittliche und selbstbewusste jüdische Jugend kennen, die es in Frauenkirchen nicht gab.
Ernst war 16 Jahre alt, als Hitler in Österreich einmarschierte. Wenige Wochen später musste er auf Grund seiner jüdischen Herkunft das Gymnasium verlassen. Sein Ziel, einmal Medizin zu studieren, trat in weite Ferne. Sein Vater schaffte es, Einreisebewilligungen nach Portugal zu erhalten, und im September 1938 verließ die Familie Österreich. Ernst schloss sich einer zionistischen Jugendgruppe an, um nach Palästina zu fliehen. Durch die Vertreibung wurden die Mitglieder der Familie für immer voneinander getrennt.
Im Oktober 1938 kam Ernst in Palästina an und schloss sich einem Kibbuz an, wo er zum Fachmann für Obstkulturen ausgebildet wurde. Im Unabhängigkeitskrieg 1948 kämpfte Ernst als Sanitäter und Minenentschärfer für ein freies Israel. Nach dem Krieg kehrte er in einen Kibbuz zurück, um wieder als Gärtner zu arbeiten. Er heiratete wenig später eine deutsche Emigrantin und gründete eine Familie.
Ernst und seine Gattin entschlossen sich 1952 zur Auswanderung nach Kanada. Auf der Durchreise in Wien erkrankte sein Sohn an TBC, weshalb der Familie die Einreise nach Kanada verwehrt wurde. Ernst blieb mit seiner Familie in Wien und baute sich eine neue Existenz auf, er war als Übersetzer und Büromaschinenvertreter tät. Nachdem seine Ehe zu Bruch gegangen und seine Gattin mit den Kindern nach Kanada ausgewandert war, blieb Ernst in seiner alten, neuen Heimat Österreich zurück. Später gründete er eine neue Familie und besuchte noch mehrmals Israel, wohin sein ältester Sohn emigrierte. 2008 verstarb Ernst Krausz in Wien. Im selben Jahr wurde in „seinem“ Gymnasium in Wien eine Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus der Schule angebracht. Der Name Ernst Krausz befindet sich ebenfalls darauf.


Moses Krausz

Moses Krausz, 1889 in Nemes-Jàcz in Ungarn geboren, ergriff den Lehrerberuf und erhielt 1914 eine Lehrerstelle in der orthodoxen jüdischen Gemeinde Frauenkirchen. Er gründete mit seiner Frau Margarethe eine Familie, der eine Tochter und drei Söhne entstammten. Sein Leben war sehr beschaulich. Sowohl von der jüdischen als auch von der christlichen Bevölkerung wurde er geachtet. Moses Krausz war ein religiöser Mann, der die rituellen Bräuche einhielt. Neben seinem Lehrberuf widmete er sich der Imkerei.

Das Ende der jüdischen Gemeinde in Frauenkirchen traf Moses Krausz völlig unvorbereitet. Am 19. April 1938 wurde er verhaftet und verhört. Sein privater Besitz wurde beschlagnahmt. Entrechtet und enteignet verbrachte er verzweifelte und schlaflose Nächte. Nach einer Anordnung mussten er und seine Familie bis zum 30. Juni Frauenkirchen verlassen. Die Familie zog nach Wien und fand bei Verwandten Unterkunft.

Nach einem Gestapoverhör, bei dem er misshandelt wurde, entschloss sich Moses Krausz, mit seiner Familie auszuwandern. Es gelang ihnen, eine Einreisebewilligung nach Portugal zu erhalten, und so verließ er sehr unglücklich im September 1938 seine Heimat. Sein jüngster Sohn Ernst entschloss sich, mit einer Jugendgruppe nach Palästina zu emigrieren. Moses, seine Frau Margarethe und ihre Tochter konnten nach monatelangem Lagerleben in Lissabon nach Palästina weiterreisen. Seine Söhne Alexander und Markus blieben in Portugal.

Moses Krausz versuchte, mit seiner Familie in Palästina unter ärmlichen Verhältnissen ein neues Leben zu beginnen. Das Ehepaar konnte in Israel jedoch nicht wirklich Fuß fassen, da es sich nicht an das Klima gewöhnen konnte und die Sprache ihm fremd blieb. 1951 verstarb seine Frau Margarethe und kurz darauf kehrte Moses Krausz nach Wien zurück. Bis zu seinem Tode 1978 führte er ein zurückgezogenes Leben in Wien.

(© Herbert Brettl)


Familie Neufeld – Detre

Die Familie Neufeld gehörte zu den alteingesessenen jüdischen Familien in Frauenkirchen, die bereits um 1800 erwähnt werden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts baute Leopold Neufeld einen Getreidehandel auf. Seine Gattin Netti betrieb einen kleinen Schnittwarenhandel in der Franziskanerstraße 5, wo sich auch der Wohnbereich befand. Ihre Tochter Sidonia heiratete 1916 den aus Tyrnau stammenden Rechtsanwalt Adalbert/Béla Detre, der als Proviantoffizier im Kriegsgefangenenlager Frauenkirchen seinen Dienst versah.
Während sich Leopold Neufeld zunehmend in der Kultusgemeinde engagierte und dieser auch lange Zeit als Vorstand zur Verfügung stand, führten sein Sohn Ladislaus und sein Schwiegersohn Béla Detre den Getreidehandel weiter. Unter ihrer Führung entwickelte sich das Unternehmen zu einem modernen und profitablen Betrieb. Die Familie investierte vorausblickend in ein großes Getreidelager und konnte so die Wirtschaftskraft des Betriebes noch weiter steigern. Um jede Woche nach Wien an die Börse fahren, die Trends besser vorhersehen und bei den Bauern der umliegenden Dörfer Getreide ankaufen zu können, erwarb Béla Detre, als einer der Ersten in Frauenkirchen, ein eigenes Auto. Die Familie Neufeld-Detre zählte vor 1938 zu den vermögendsten im Ort. Nach dem plötzlichen Tod von Béla Detre 1937 stiegen seine beiden Söhne Ifshaz/Emmerich 1917 und Chaim/Johann in den Familienbetrieb ein.
Nach dem Umsturz 1938 versuchten die Nationalsozialisten umgehend, sich den Betrieb und das Vermögen anzueignen. Der auf über 150.000 RM geschätzte Betrieb, der Aktienbesitz, der Schmuck, das Auto und das Motorrad wurden der Familie gestohlen. Das Haus der Familie Neufeld diente in den nächsten Jahren der NSDAP-Frauenkirchen als Parteiheim. Die Mitglieder der Familie Neufeld-Detre wurden nach Wien vertrieben. Während Ladislaus Neufeld, seiner Schwester Sidonie Detre und ihren beiden Söhnen die Ausreise nach Palästina gelang, wurden Leopold und Anna Neufeld in Auschwitz ermordet.


Renée Rechnitzer

Renée Rechnitzer wurde 1928 in Frauenkirchen geboren, wo ihr Vater mit ihrem Onkel einen gut gehenden Eisen-, Gemischtwaren- und Baumaterialienhandel betrieb. Die Familie war religiös, jedoch nicht orthodox. Ihre Mutter kam aus einer gutbürgerlichen Familie in Ungarn, erzog Renée nach modernen Maßstäben und achtete darauf, dass sie und ihr zwei Jahre älterer Bruder Eugen durch einen Privatlehrer eine gute Schulbildung erhielten.
Im März 1938 wurde die Familie von den Nationalsozialisten enteignet und im September von Frauenkirchen nach Wien vertrieben. Vergeblich versuchte der Vater ein Visum für die Einreise in die Vereinigten Staaten zu erhalten. Im Sommer 1939, kurz vor Kriegsbeginn, schaffte es die Familie Rechnitzer, wenigstens nach Frankreich zu gelangen, da Renées Mutter dort eine Schwester angeben konnte. Verzweifelt, immer noch auf Einreisepapiere in die USA hoffend, starb der Vater 1940 im Exil. Als die Deutsche Wehrmacht kurz vor Paris stand, floh die Familie 1940 in den Süden, wo sie sich in einem kleinen Bergdorf verstecken konnte. Als auch dort die Sicherheit nicht mehr gewährleistet war, wurde Renée zu ihrer Tante und ihrem Onkel nach Marseille geschmuggelt. Nur wenige Tage nach ihrer Abreise wurden ihr Bruder Eugen und ihre Mutter Hedwig verhaftet und im September 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Bald war Renée auch in Marseille nicht mehr sicher und floh mit ihren Verwandten in die Nähe der Pyrenäen. Zwei Jahre lang, bis Ende 1943, konnte sie unerkannt bei einer Familie leben. Als auch dort die Verhaftungen begannen, wurde Renée mit Hilfe der Résistance und einer Schuldirektorin in ein Kloster bei Tarbes an der spanischen Grenze gebracht. Bis zum Kriegsende blieb Renée dank einer neuen Identität unerkannt im Kloster versteckt.
Auf ihrer abenteuerlichen mehrjährigen Flucht verlor sie ihre gesamte Familie. Im August 1945 zog Renée mit ihrem Onkel und seiner Familie nach Paris und begann ein neues Leben.



Familie Riegler

Theophil Riegler, der aus Kobersdorf stammte, und seine Gattin Wilhelmine betrieben ein Kaufhaus in Frauenkirchen. Ihre drei Kinder Michael, Henriette und Regina erlebten eine unbeschwerte Kindheit im Ort. Diese endete abrupt mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Das Geschäft wurde arisiert und die Familie im Frühsommer 1938 nach Wien vertrieben. Sein Vater wurde zunächst im Oktober 1939 nach Südpolen verschleppt und später ins KZ Dachau gebracht. Inzwischen gelang es seiner Gattin ein Auswanderungsvisum nach Bolivien zu erhalten. Theofil Riegler wurde entlassen und wanderte mit seiner Familie aus.
Mit einem Donauschiff gelangten sie in die rumänische Hafenstadt Konstanza am Schwarzen Meer, wo sie ein Schiff Richtung Palästina bestiegen. Nach dreimonatiger Fahrt erreichten sie den Hafen von Haifa, wo ihnen die britische Mandatsherrschaft die Einreise nach Palästina verwehrte. Die aufgegriffene Familie Riegler wurde Ende 1940 auf die Insel Mauritius, eine britische Kolonie im Indischen Ozean, geschickt. Fünf Jahre musste die Familie in einem Gefängnis auf der Insel ausharren. Die Haftbedingungen auf Mauritius waren katastrophal. Die ungewohnte Hitze, Krankheiten, wie Malaria und Typhus, und die unzureichende Versorgung forderten zahlreiche Tote.
Nach Kriegsende im August 1945 brachten die Briten die Mitglieder der Familie Riegler, die mit Glück die Internierung auf Mauritius überlebt haben, nach Palästina. In Palästina fand Theofil Riegler zunächst nur verschiedene kleinere Arbeiten, bevor er in einer Fabrik eine dauerhafte Anstellung erhielt. Diese übte er bis zu seiner Pensionierung aus. Seine Gattin Wilhelmine fand keine Arbeit und kümmerte sich um die Kinder. Besondere Pflege brauchte die Tochter Henrietta, die seit ihrer Internierung auf Mauritius an Diabetes litt. Mit Putzarbeiten bei den Nachbarn konnte sie ein wenig zum Familieneinkommen beitragen. Während Theofil durch seine Arbeit in der Fabrik die hebräische Sprache bald beherrschte, erlernte Wilhelmine, die mit den Kindern weiterhin Deutsch sprach, die Sprache nicht. Für die Kinder war Israel von Beginn weg ihr neues Zuhause. Sie erlernten die Sprache rasch und schlossen ihre Schulbildung problemlos ab. Michael Riegler studierte und promovierte, bevor er als Bibliothekar an der Jüdischen Nationalbibliothek eine Anstellung fand. In seiner weiteren Laufbahn wurde er Direktor des „Judaica Reading Room“.



Paul Rosenfeld

Paul Rosenfeld wurde 1918 in Kapuvar in Ungarn geboren. Seine ersten zehn Lebensjahre verbrachte Paul in Neusiedl am See, wo seine Eltern nach der Übersiedlung mit Verwandten eine Mühle betrieben. 1928 zog die Familie nach Frauenkirchen und baute dort einen Getreidehandel auf. Nach Ablegung der Matura wollte Paul an einer Universität weiterstudieren, doch wegen eines tödlichen Verkehrsunfalls seines Bruders blieb er im elterlichen Betrieb.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1938 floh Paul mit seiner Familie zu Verwandten nach Budapest. Er wollte weiter nach Übersee auswandern, doch der Ausbruch des Krieges machte dies unmöglich. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn wurden Pauls Eltern und viele andere Verwandte im Sommer 1944 ins Konzentrationslager nach Auschwitz gebracht und dort umgebracht. Paul Rosenfeld wurde wie tausende andere ungarische Juden zum Bau des „Ostwalls“ in die Gegend von Deutschkreutz gebracht. Beim Herannahen der Roten Armee wurden Paul und viele andere Zwangsarbeiter auf den berüchtigten „Todesmarsch“ nach Mauthausen getrieben. Die chaotischen letzten Kriegstage ermöglichten es Paul zu überleben.
Nach dem Krieg kehrte Paul nach Budapest zurück, doch nach der Errichtung der kommunistischen Diktatur beschlossen er und seine Frau 1949 nach Australien auszuwandern. Bevor er abreiste, besuchte er noch einmal seine alte Heimat Frauenkirchen und entschied sich zu bleiben. Er ist der einzige Jude, der nach Frauenkirchen zurückkehrte. In den nächsten Jahren baute er einen erfolgreichen Getreide- und Landesproduktenhandel auf und die Bauern der Region schätzten ihn als Geschäftspartner. Paul Rosenfeld starb 2003. Mit dem Tode von Paul Rosenfeld ging die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Frauenkirchen, die 1678 begonnen hat und 1938 gewaltsam aufgelöst worden ist, endgültig zu Ende.



Moses Simon Löwy

Moses Simon Löwy wurde 1861 in Neustadt an der Waag/Vágújhely, heute Nové Mesto nad Váhom in der Slowakei, geboren. Seine religiöse Ausbildung erhielt er zunächst von seinem Vater Jehuda Löwy, bevor er in weiterer Folge die Jeschiwa, die religiöse jüdische Hochschule, wo die Auslegung der Tora (Heilige Schrift) und der Talmud (jüdische Schriftensammlung) studiert werden, in Grosswardein/Nagyvárad, in Széred und in Pressburg/Bratislava besuchte. Diese Ausbildung diente der Vorbereitung auf das Amt des Rabbiners. Nach seinem Abschluss übernahm er den Rabbinerstuhl in Jóka/Jelka in der Region Nitra, den zuvor sein Schwiegervater innegehabt hatte, und übte dieses Amt die nächsten neun Jahre aus. Im Jahre 1892 trat Simon Löwy die Rabbinerstelle in Frauenkirchen an, wo er mit seiner Familie, seiner Gattin Eszter und ihren zehn Kindern, davon wurden vier in Frauenkirchen geboren, im Rabbinerhaus in der Hauptstraße 34 wohnte.

Als Rabbiner war er das geistige Oberhaupt der jüdischen Gemeinde, wobei er einerseits die religionsgesetzliche Autorität verkörperte bzw. die religionsgesetzlichen Fragen entschied und andererseits als Lehrer die Aufgabe hatte, sowohl Kindern wie Erwachsenen Wissen zu vermitteln. Zudem konnte sich die jüdische Bevölkerung Frauenkirchens mit ganz persönlichen Lebensfragen an ihn wenden, diese erhoffte sich dabei Beistand und Unterstützung.

Nach der Bildung des Bundeslandes Burgenland wurde Simon Löwy zum Vorsitzenden des „Verbandes der autonomen orthodoxen israelitischen Kultusgemeinden des Burgenlandes“ gewählt. Moses Simon Löwy diente 45 Jahre als Oberrabbiner in Frauenkirchen. Auf Grund seines schlechten Gesundheitszustandes führte die Kultusgemeinde Frauenkirchen 1937 eine Rabbinerwahl durch, bei der Isidor Karoly, verheiratet mit der Enkelin von Moses Simon Löwy, zum Rabbiner von Frauenkirchen gewählt wurde.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1938 wurden Simon und Eszter Löwy aus Frauenkirchen vertrieben. 1939 gelang ihnen die Flucht nach Palästina, wo sie sich in Bnei Brak ansiedelten. Moses Simon Löwy starb am 4. Mai 1940 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Ein großer Teil seiner Familie überlebte die Shoa nicht. Die Überlebenden und deren Nachkommen leben heute in den USA, Kanada und Israel.