Archäologie

Archäologische Grabung der ehemaligen Synagoge in Frauenkirchen

Grabungsbericht – PannArch (Mag. Kurt Fiebig, Patrick Hillebrand, Iris Reiter, Gregor Schönpflug, MMag. Ruth Steinhübl, Mag. Iris Horvath, Stefanie Juch)

Durchführungszeitraum: 1.4.2014 bis 2.5.2014

Seit mehreren Jahren reifte der Plan in Frauenkirchen eine Gedenkstätte im ehemaligen jüdischen Viertel zu errichten. Die Ideen reichten von einer Gedenktafel bis hin zur Errichtung eines Mahnmals. 2012 wurden dann die Pläne konkret und der Verein Erinnern beschloss die Errichtung eines „Garten der Erinnerung“ auf dem Platz der ehemaligen Synagoge. Im Sommer 2013 sollte mit den vorbereitenden Arbeiten begonnen

werden und da niemand damit rechnete noch auf Gebäudereste zu stossen, wurde ein erster Fundamentgraben maschinell ausgehoben. Bereits nach kurzer Zeit wurde die Arbeit wieder eingestellt, da in den Profilen des Grabens Mauerstruktur zum Vorschein kamen. Wie sich später herausstellte, hatte der Bagger genau die Südmauer gestreift ohne diese jedoch zu beschädigen. Die Bauarbeiten wurden eingestellt und der Verein Pannarch wurde mit der archäologischen Freilegung des Bauplatzes beauftragt.

Archäologischer Befund:

Durch den Bagger wurde das Grundstück in zwei ca. gleichgroße Teile geteilt. Der durch den Bagger geöffnete Graben erstreckte sich in Längsrichtung des Grundstückes bis zu einer maxi. Tiefe von ca. 180cm. Das so entstandene Nordprofil zeigte eine Abfolge von Schuttschichten, durchmengt mit Ziegelresten und Geröll. Das Südprofil wurde durch die freigelegte Mauer dominiert. Als Grabungsbereich wurde der südliche Teil festgelegt. Da das Grundstück an zwei Seiten durch eine ca. 2m hohe Einfassungsmauer und an einer Seite durch ein Gebäude begrenzt ist, konnte aus statischen Gründen nicht bis an die Grundstücksgrenzen gegraben werden.

Befundabfolge beginnend mit der jüngsten Phase ( s. Plan 004 Übersichtsplan):

Die obersten Schichten wurden durch durchmischten Bauschutt und Hausmüll gebildet. Diese erreichten eine Mächtigkeit von fast 1m, in Teilbereichen sogar mehr und bedeckten die Mauerkrone der noch erhaltenen Mauerreste. Innerhalb dieser Schicht wurden u. a. moderne Glasbehälter, Reste eines Ofens, ein Fahrradreifen und div, andere Hausmüllreste aufgefunden. Das Grundstück dürfte somit in der zweiten Hälfte des 20.Jhdt. überwiegend als Mülldeponie gedient haben. Reste der 1939 abgerissen Synagoge waren keine mehr vorhanden, mit Ausnahme des äußeren Traufenpflasters und eines kleinen Teiles des inneren Fußbodens, der in Beton ausgeführt war und auf dessen Oberfläche eine Windrose eingraviert war. Ob dieses Symbol die abreißenden Arbeiter abgehalten hat, aus Respekt oder Furcht, oder ob dieses Bodenfragmente zufällig den Niedergang überdauerte ist nur mehr spekulativ zu beantworten. Fakt ist aber, dass diese beiden Betonteile den letzten Rest der jüngsten Bauphase (Bau von 1843) bildeten. Das Traufenpflaster wurde an seinem Ort belassen und befindet sich nach wie vor in situ. Das bereits bei der Freilegung gerissenen Fragment mit der Windrose wurde geborgen. Die Betonschicht hatte eine Mächtigkeit von weniger als 10cm und war nicht mit Eisen armiert. Die darunter liegende Schicht war eine nur mangelhaft festgestampfte humose Schicht. Alles in allem Zeichen für eine recht mangelhafte oder billige Bauausführung.

Im nächsten Schritt wurden die bereits sichtbaren Mauern (Mauer 1 und 2) freigelegt. Die Einfüllschichten

zeigten nun im Gegensatz zu den obersten Schichten keine Müllanteile und bestanden größtenteils aus Bauschutt. Synchron dazu wurden die , durch den Bagger erzeugten Profile überputzt und zeichnerisch dokumentiert. Dabei zeigten sich, quer zu diesem Schnitt, zwei weitere Mauerfragmente (Mauer 3 und 4), die eine deutliche Mauerfuge mit Mauer 2 bildeten und somit als jünger als Mauer 2 angesprochen werden müssen. Nach Entfernung der innerhalb von Mauer 1 und 2 liegenden Einfüllschicht kam ein fest gestampfter Fussboden zum Vorschein, der ein ehemaliges Gehniveau anzeigte. Dieses Gehniveau wurde durch eine Grube mit ca. 1m Durchmesser in der Südostecke gestört. Weiters wurde im Osten eine weitere Mauer (Mauer 5) sichtbar, die sich in Mauertechnik, Mauerstärke und Mörtelfarbe von Mauer 1 und 2 deutlich unterschied.

Im nächsten Arbeitsschritt wurde der Außenbereich zwischen Mauer 1 und der Grundgrenze freigelegt. Die Schichtabfolge war hier die selbe wie im Inneren der Mauern 1 und 2. Unter den Müllschichten folgten Schichten mit Bauschutt der nach unten zu immer mehr in humoses Material überging. Nach der Entfernung dieser Schicht wurden zwei weitere Mauerfragmente sichtbar. An der Nordkante eine Mauer (Mauer 6), die fast zur Gänze unter der stehenden Einfassungsmauer liegt und im rechten Winkel auf Mauer 5 zuläuft und mit dieser vermutlich eine Verbindung im Nordwesten hat. Gegenüber von Mauer 6 ein Mauersockel (Mauer 7), der Ähnlichkeiten mit den Mauern 3 und 4 aufweist. Unter der Schicht kam ein Lehmfußboden zu Tage, der ca. 30cm tiefer lag als das Gehniveau im Inneren von Mauer 1 und 2. Danach wurde das Gehniveau im Inneren von Mauer 1 und 2 mit der darunter liegenden Einfüllung, sowie außerhalb der nur ca. 1 bis 2cm mächtige Lehmfußboden entfernt. Unter beiden Schichten kam auf gleichem Niveau ein Ziegelpflasterung zum Vorschein. Dieses Ziegelpflaster war durch die Mauern 1 und 2 und die im Innenraum in der Südostecke befindlichen Grube, unterbrochen, lief aber unter die Mauern 2, 3, und 7. Nach dem Entfernen dieser Füllschichten wurde eine Mauerfuge zwischen Mauer 1 und Mauer 6 sichtbar, wodurch die Mauer 1 jünger als die Mauer 6 ist, die wie bereits erwähnt mit großer Wahrscheinlichkeit auf Mauer 5 zuläuft und diese unter der bestehenden Einfassungsmauer trifft. Das Ziegelpflaster war in einem Sandbett verlegt. Die Pflasterung wurde in Situ belassen, ebenso wie alle aufgehenden Mauern. Alle Mauern und Profile wurden zeichnerisch und fotografisch, alle Aufsichten wurden fotografisch und geodätisch dokumentiert.

Zusammenfassung: Die archäologische Ausgrabung konnte im Bereich der ehemaligen Synagoge von Frauenkirchen mehrere Bauphasen nachweisen. Angemerkt sei an dieser Stelle, dass der Standort der Synagoge nur durch ein Photo (s. Abb. 2) nachgewiesen ist. Weiters ist der erste Standort des jüdischen Gebetsraumes innerhalb des Meierhofes historisch belegt.8

Die älteste Bauphase (Plan 005) umfasst die Mauern 5 und 6, sowie das Ziegelpflaster. Sowohl die in Mörtel gesetzten Bruchsteine wie auch die Masse der Ziegeln zeigen ins 17. Jhdt. Eine im Bereich von Mauer 6 in der tiefsten Schicht aufgefundene Münze dürfte ein Gulden sein, welches die obige Annahme bestätigt. Ein auf der Ziegelpflasterung gefundener keramischer Pfeifenkopf ist ebenso barock zu datieren und passt somit ins Gesamtbild. Die beiden Mauern und der Fußboden sind mit großer Wahrscheinlich Reste des ehemaligen Meierhofes, konkret die äußerste Nordwestecke (s. Abb. 2 Planskizze von 1724).

Die nächste Bauaktivitäten (Plan 006) umfassten die Mauern 1 und 2 (Ost- und Südmauer), das etwa 50cm über dem Ziegelpflaster innerhalb der Mauern befindliche Gehniveau sowie in der Südostecke angetroffene Grube. Die Nordmauer dieses Gevierts wurde vermutlich durch die Mauer 6 gebildet, Die Westmauer durch die Mauer 5. Diese ist an ihrem südlichen Ende abgerissen, sodass sich ein im Westen situierter Eingang mit einer Durchgangsbreite von ca. 1m, in diesen Raum ergab. Das Niveau dieses Zugangs lag ca. 150cm unter dem heutigen Niveau.

Um die Mauern und die Grube anzulegen, wurde das Ziegelpflaster in diesen Bereich entfernt, sodass die Mauern nicht auf den Ziegeln aufsitzen. Das Mauer ist aus mauerrechten Bruchsteinen errichtet, Zwischen den einzelnen Mauerlagen wurde mit Ziegelsteinen, welche das gleiche Format wie in der Pflasterung befindlichen Ziegeln, ausgezwickelt. Die Mauern 1 und 2 gehen in der Ecke verzahnt ineinander über, stellen also eine Einheit dar. Zur Mauer 8 bildet die Mauer 1 eine Baufuge, wodurch die Mauer 1 und damit auch die Mauer 2 erst nach Errichtung von Mauer 6 erfolgt sein kann. Die Mauern wurden sehr akkurat gemauert und sind von hochqualifizierten Maurern errichtet worden. Möchte man von diesem Umstand auf den Auftraggeber schließen, bleiben nur zwei Möglichkeiten. Ersten, die entsprechenden Fachkräfte kamen direkt aus dem Umfeld der Auftraggeber bzw. Auftraggeber und Ausführender sind identisch oder sozial eng miteinander verbunden oder zweitens der Auftraggeber besitzt die finanziellen Möglichkeiten diese hochwertige Handwerksleistung zu bezahlen. Die Funktion dieses in den westlichsten Raums des Meierhofs eingebauten Raum kann aus archäologischen Befund nicht abgeleitet werden.

Die nächste Bauphase (Plan007) erfasste die Mauern 3, 4 und 7. Da diese Mauern nur in einem schmalen Ausschnitt erfasst wurden, können sie zeitlich nur als jünger als die Mauern 1 und 2 angesprochen werden. Bei der Errichtung dieser Mauern wurde das Ziegelpflaster aus Bauphase 1 nicht mehr entfernt, sodass diese Mauern auf dem Ziegelpflaster aufsitzen. Auch steht die handwerkliche Qualität bei der Errichtung dieser drei Mauern deutlich hinter der Ausführung der Mauern 1 und 2 zurück.

Die letzte Bauphase wird durch die Reste des im 19, Jhdt. errichteten Bauwerkes gebildet. Dieser Rest besteht im wesentlichen aus zwei Betonfragmenten, die bei der Schleifung 1939 nicht entfernt wurden. Unter der Betonplatte mit der eingeritzten Windrose wurde eine Münze mit dem Prägedatum um 1840, gefunden. Dieser Terminus post quem bestätigt die Erbauung im 19. Jhdt.

In der zweiten Hälfte des 20. Jhdts wurde Platz als Schutthalde benutzt, bis er in den 1970ern vom Eigentümer eingezäunt wurde und der Boden mit Waschbetonplatten abgedeckt wurde.

Literatur:

Herbert Brettl, die jüdische Gemeinde von Frauenkirchen, 2008, Oberwart, S 15ff

Josef Gmasz, Dissertation Universität Wien, 1993, Wien, S 131f

Josef Gmasz, Chronik der Stadtgemeinde Frauenkirchen, 1988, Frauenkirchen, S 127

Autor: Ing. Mag. Kurt Fiebig

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